Mehr Rente für Menschen mit kurzer Lebenserwartung
Das Deutsche Institut für Wirtschaft schlug am Mittwoch vor, drohender Altersarmut mit einer weiteren Reform des Rentensystems begegnen. Die Idee: Geringverdiener sollen höhere Renten bekommen, Besserverdienende dafür etwas geringer als bisher. Begründung: Die Lebenserwartung von Menschen mit geringem Einkommen ist kürzer als die von Menschen mit hohem Einkommen. Demnach bekommen besserverdienende länger Rente und erhalten daher für jeden eingezahlten Euro mehr zurück als Menschen mit niedrigem Einkommen. Dies soll durch den Vorschlag ausgeglichen werden. Das alles ohne eine zusätzliche Finanzierung durch Steuern.
 Ungerecht verteilt: Wer Älter wird bekommt in Summe mehr Rente für seine Beiträge
In der Tat ist dieser Vorschlag des DIW im Sinne der sozialen Marktwirtschaft und würde endlich einen Ausgleich im ungerechten deutschen Rentensystem schaffen . Denn etliche Studien und Gutachten kommen zum gleichen Ergebnis: Geringverdiener werden in der deutschen Rentenversicherung benachteiligt und tragen das höchste Risiko einmal Altersarmut erfahren zu müssen. Altersarmut bedeutet eine Rente zu bekommen die sich unterhalb der Grundsicherung bewegt. Dies ist mit Sozialhilfeniveau gleichzusetzen.
Ungerechtes Rentensystem:
Das deutsche Rentensystem ist so aufgebaut, das die Höhe der Altersrente sich daran orientiert wieviel man eingezahlt hat. Wer mehr einzahlt bekommt mehr Rente. Geringverdiener zahlen wenig ein und bekommen daher die geringsten Renten. Die jüngste Rentenreform wird dazu führen das die Renten in den nächsten 20-30 Jahren im Schnitt um ca. ein fünftel absinken werden.
Wer eine ohnehin schon geringe Rente zu erwarten hat, wird in Zukunft also mit noch weniger auskommen müssen. Bei den Renten für Geringverdiener ist Deutschland Schlusslicht im Vergleich mit allen anderen OECD Ländern.
Ein 20 jähriger deutscher Arbeitnehmer der im Jahre 2004 zu arbeiten begann und 50% des Durchschnittseinkommens verdiente (Geringverdiener), bekommt gerade mal 39,9% seines letzten Gehaltes als Rente. Hätte diese Person in der Schweiz gearbeitet und dort in das Rentensystem eingezahlt bekäme er 62,5%, in Kanada 75,4%, in Belgien 57,3%, in Polen 61,2%, in Frankreich 63,5% und in Italien 67,9% seines letzten Einkommens (Quelle: OECD, Stand und Rechtslage 2007).
Die Bundesregierung versucht seit Jahren die private Altersvorsorge mehr zu stärken und so den Trend der allgemein sinkenden Renten auszugleichen. Dies erfordert aber, das die künftigen Rentenbezieher bereits während des Erwerbslebens Sparraten aufbringen um die staatliche Rente später durch eine private Rente aufzustocken.
Probleme bei diesem Konzept:
Geringverdiener (also die Bevölkerungsschicht die bereits im Arbeitsleben „gerade so über die Runden kommt“) müssen von Ihrem ohnehin bereits geringem Einkommen Sparraten abschöpfen um in einen Vorsorgevertrag einzuzahlen. Dies ist vielen Geringverdienern nur bedingt möglich.
Gerade in den Berufsgruppen der unteren Einkommensschichten ist Arbeitslosigkeit häufiger der Fall, als in Berufen mit höheren Einkommen. Was dazu führt das viele vorhandene Altersvorsorgeverträge zeitweise nicht bedient werden oder aufgrund von Langzeitarbeitslosigkeit zum Leben verwendet werden müssen. Denn viele Menschen besitzen Altersvorsorgeverträge die nicht Hartz 4 geschützt sind. Hierzu zählen so gut wie alle Verträge die vor der Rentenreform und Einführung der Riester-Rente im Jahre 2001 abgeschlossen wurden. Diese Verträge müssen im Falle von Hartz IV aufgelöst und zum Leben verwendet werden.
Viele Altersvorsorgeverträge werden auf die Grundsicherung angerechnet da Sie als Vermögen gelten. Wer also eine private Rente aus einem Altersvorsorgevertrag erhält und gleichzeitig auf Grundsicherung angewiesen ist, der bekommt die Grundsicherung in Höhe der privaten Rente gekürzt. Wer voraussichtlich mal auf Grundsicherung angewiesen sein wird, dessen Motivation privat Vorzusorgen wird durch diesen Umstand geschwächt.
Fazit: Im deutschen Rentensystem werden die Personengruppen mit niedrigem Einkommen stark benachteiligt. Auch die Förderung der privaten Vorsorge wirkt tendenziell mehr bei höheren Einkommen als bei geringen. Der sozial schwächste Teil der Gesellschaft wird demnach zusätzlich benachteiligt. Um dem entgegenzuwirken wäre es nötig, Menschen mit geringem Einkommen etwas stärker zu berücksichtigen und zu fördern.
Hier setzt der Vorschlag des DIW an.
Berücksichtigung der Lebenserwartung für mehr Gerechtigkeit in der Rentenversicherung
Diverse Studien belegen das Menschen die gut verdienend eine längere Lebenserwartung haben als Personen mit geringem Einkommen. Deshalb schlägt das deutsche Institut für Wirtschaft vor, die voraussichtliche Lebenserwartung mit in die Rentenberechnung zu integrieren.
Laut DIW liegt das Problem bei der derzeitigen Berechnung darin, das nur die monatliche Rentenleistung ins Auge gefasst wird nicht aber die gesamte Rentenbezugsdauer.
Denn schaut man sich die zu erwartende Bezugsdauer an, addiert die Ein- und Auszahlungen ins Rentensystem und setzt diese ins Verhältnis, so bekommen Menschen die kürzer Leben (tendenziell die Geringverdiener), in Summe weniger Rente für jeden eingezahlten Euro als Menschen die älter werden (tendenziell die Besserverdiener).
Die Umsetzung des DIW Vorschlags mit Integrierung der Lebenserwartung in die Rentenberechnung würde demnach für eine gerechtere Verteilung des Geldes aus der Alterssicherung in der Gesellschaft führen und soziale Ungerechtigkeit reduzieren. Zusätzlich würden Staatskassen geschont weil Altersarmut entgegengewirkt wird und somit die Zahl der Sozialhilfebedürftigen sinkt.
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